Die Geschichte des Kosovo und aktuelle Entwicklungen der Krisenbewältigung
(Autoren: Michael Holzrichter und Sven Pohle (Universität Weimar)

Inhalt:

Geschichtliches
Das Kosovo im 2. Weltkrieg
Die Zeit unter Tito
Ab Tito`s Tod
Rugova
Eskalation
NATO Luftangriffe
Strategien der Krisenbewältigung
Quellenangaben
Karte 1
Das Kosovo heute

Wirft man einen Blick auf die Vergangenheit des Kosovo so wird einem schnell bewußt, wie komplex die Geschichte dieses kleinen Landstriches (nur ungefähr halb so groß wie das Bundesland Hessen) ist. Noel Malcolm beispielsweise braucht 492 Seiten um eine "short history" (eine der Hauptquellen dieses Essays) zu schreiben.

Daher haben wir uns entschlossen nicht alle Ereignisse bis ins Detail auszuführen. Vielmehr kommt es uns auf die groben Zusammenhänge und die Erklärung der Denkweise der Beteiligten Parteien an. Genauer nachzeichnen wollen wir einzig den Zeitraum der letzten zwanzig Jahre, da dieser sich durch eine hohe Anzahl an für die heutige Situation wichtigen Ereignissen auszeichnet. In diesem ersten Teil geht es hauptsächlich um die Darstellung von Fakten. Dabei gehen wir chronologisch vor. Einige Quellen unterscheiden sich jedoch in gewissem Maße.

Der zweite Teil dieses Essays geht aktuellen Tendenzen der Krisenbewältigung nach. Da es zu dem Thema keine einhellige Sicht der Dinge gibt, nennen wir nur einige verschiedene Argumentations- und Handlungslinien, sowie die verschiedenen Ansätze zum Umgang mit der jetzigen Situation. Naturgemäß ist es so, dass sich sowohl Hilfsorganisationen wie auch "offizielle" Institutionen wie NATO, KFOR, UN oftmals nicht einig sind. In diesem Kapitel kommt es uns auf die Bandbreite der verschiedenen Strategien und Herangehensweisen an, dabei werfen wir oftmals eher Fragen auf als dass wir Antworten liefern.

Geschichtliches

Bei der Behandlung der Geschichte haben wir uns entschlossen erst mit der Schlacht auf dem Amselfeld vom 28. Juni 1389 zu beginnen, da die Quellenlage vorher dürftig ist und die existierenden Quellen vielfach in Frage gestellt werden.

Wie bei solchen sagenumwobenen Schlachten häufig der Fall gibt es auch hier verschiedene Versionen ihres Ablaufs. Zwei der gängigsten sollen hier der Kürze wegen tabellarisch wiedergegeben werden:

Version 1

Version 2

Historiker bevorzugen die zweite, nüchternere Version. Serbische Nationalisten hingegen bevorzugen die erstgenannte und konstruierten einen Mythos herum.

Wichtige Erkenntnis bei der Betrachtung dieser Schlacht ist, dass offensichtlich Albaner und Serben gemeinsam als Alliierte auf beiden Seiten kämpften . Damit ist ihr eigentlich jede Kraft für einen Mythos genommen, trotzdem wird von Seiten der Serben der Mythos zitiert, seit der Schlacht hätten die Serben über 500 Jahre unter der osmanischen Herrschaft gelitten und dies müsse irgendwann gerächt werden.

Nach der Schlacht änderte sich für die beteiligten Völker offenbar erst einmal wenig: Nach osmanischer Praxis blieb die serbische Sozialstruktur erhalten.

Erst nach dem Fall von Byzanz 1453 bringen die Osmanen 1455 das Kosovo unter ihre Herrschaft . Im Jahre 1459 erobern die Osmanen schließlich auch den Rest Serbiens. In den Jahren um 1680 hat das habsburgische Österreich kurzzeitige Erfolge und erobert sogar Belgrad zurück. Die Osmanen drängen aber bald umso stärker zurück, was zu einer massiven Abwanderung (die Serben sprechen von Vertreibung) von Serben führt.

1690/1 kommt es angeblich zu einem Exodus der Kosovo-Serben unter dem Patriarchen Arsenije II. Carnojevic. Dieser verstärkt natürlich den Amselfeld-Mythos und damit auch den Aspruch auf den nur unfreiwillig verlassenen Boden.

Im Jahre 1737 kommt es, eine österreichisch-ungarische Invasion unterstützend, zu einer Rebellion der Bevölkerung des Balkans. Dabei kämpfen Slaven und Albaner der Bergregion Montenegros und Nordalbaniens einmal mehr zusammen auf einer Seite. Häufig wird auch von einer langen Tradition der Kooperation und der Heirat untereinander zwischen diesen beiden Volksstämmen gesprochen.

Karte 2
Karte 2

In der Folge der Französischen Revolution (ab 1789) entstehen überall in Europa die Nationalbewegungen. Dabei muss unterschieden werden zwischen einem bürgerlichen Nationalismus und einem ethnischen Nationalismus. Beim Bürgerlichen Nationalismus gehören alle Menschen unabhängig von Hautfarbe, Religion oder Sprache zum Volk, die die politischen Grundsätze mittragen (Großbritannien, USA). Beim ethnischen Nationalismus wird davon ausgegangen, dass es natürliche Vorraussetzungen für die Zugehörigkeit zur Nation wie Sprache, Religion, Herkunft allgemein gibt. Dies nur als Hintergrundinformation um spätere Ereignisse besser einordnen zu können.

In den Jahren von 1804 bis 1815 kommt es zu weiteren heftigen Aufständen der Serben gegen die Osmanische Herrschaft. Dabei wurde quasi die Unabhängigkeit erreicht. Die Serben sehen dies aber nicht als Erfüllung des Mythos an. In der Folge dehnen die Serben ihr Territorium schrittweise nach Süden aus (siehe Karte 2).

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts werden die Konflikte zwischen den Serben und den Albanern (die es auch vorher schon gab genauso wie Konflikte der Serben untereinander und der Albanern untereinander) zunehmend politisiert. Dabei spielt das an Kraft gewinnende nationalstaatliche Denken eine bedeutende Rolle. Dabei stand bei den meisten Völkern Europas unter Fremdherrschaft (die Polen und Balten unter den Russen, die Serben unter den Türken und die Kroaten unter den Österreichern) ein ethnischer Nationalismus nach Vorbild Deutschlands als Ziel fest.

Die Amselfeldschlacht wird dabei seitens der Serben mystifiziert als ein Ereignis, das die Nation definiert.

Russische Konsuln, die es zu der Zeit z.B. in Mitovica und Pristina gab, tragen zur Polarisierung zwischen Serben und Albanern bei.

Alle heutigen Konflikte haben ihre Wurzeln erst in dieser Zeit und folgen keineswegs einer Erbfeindschaft seit frühester Zeit. Malcolm führt dazu an, dass es zwischen Serben und Albanern zwar schon vorher von Zeit zu Zeit Kriege gab, bis vor etwa 100 Jahren jedoch hatte keiner dieser Kriege einen "ethnischen" Charakter. In den Jahren 1877 und 78 kommt es durch den stärker werdenden Druck zu einem Massenauszug von Albanern und anderen Muslimen aus serbisch und montenegisch gehaltebnen Gebieten. Die neuerlichen Veränderungen machten den Albanern bewußt, dass die Serben eine potentielle Gefahr darstellen. Im Jahre 1912 wird auch das Kosovo von der Serbischen Expansion erfasst und wird damit zu einem Teil Serbiens.

Aus albanischer Sicht wird das Inkrafttreten von Serbisch-montenegrischen Gesetzen (und Umwandlung in Yugoslavische Gesetze 1918) als Kolonisation und Eroberung durch europäische Christen (parallel zu Tschetschenen und Russen, Algerier und Franzosen) empfunden.

Aus serbischer Sicht handelte es sich gemäß des Mythos um einen Befreiungskrieg, um die Serben des Kosovo von der (feindlichen, fremden, imperialen) osmanischen /türkischen Herrschaft zu befreien.

Das spezielle Problem in diesem Falle war, dass, anders als bei vielen Eroberungen, bei denen die Besetzer keine geschichtliche Verbundenheit mit dem neuerworbenen Gebiet hatten, es historische Berechtigungen für jede der beiden Sichtweisen gab. Jede der Versionen ist von ihrem Standpunkt aus in gewisser Weise gerechtfertigt - es ist nur eine Frage wie weit man in die Geschichte zurückgreift und auf welche Epoche man sich beruft.

Dies Problem stellt sich natürlich auch bei der Deutung und Bewertung des Sachverhalts. Malcolm sagt, die Sichtweise der Albaner sei die "wahrere", einfach aus dem Grund, dass die Albaner schon damals die Mehrheit der Bevölkerung ausmachten.

In einem Memorandum, erschienen in Belgrad 1913, nennen die Serben drei Argumente für ihre Machtansprüche:

Die albanische Mehrheit zu der Zeit wurde als "Invasion in jüngster Zeit betitelt". In den 1920er Jahren macht die Belgrader Regierung erste ernsthafte Versuche den Anteil der Serben in der Region zu erhöhen. Von serbischen Kolonisten, die im Kosovo ankamen gibt es Berichte, nach denen ihnen ihre Volksgenossen (die Kosovo-Serben) fast ebenso fremd waren wie die Albaner. So sehr hatte sich der Lebensstil der Bewohner des Kosovo, unabhängig von der ethnischen Herkunft, angeglichen.

Diese Ansiedlung von Serben wurde von den Albanern nicht geduldet und es kam zu einer Reihe von Ausschreitungen und Vertreibungen, da die Ansiedlung oftmals mit der Enteignung der bisherigen Besitzer einherging. Dabei bekamen die Kosovo-Albaner häufig Unterstützung durch die Kosovo-Serben, die den neuen Siedlern zum Teil auch feindlich gegenüber eingestellt waren, da die neuen Siedler oftmals mehr Land zugeteilt bekamen als die alteingesessenen Serben besaßen.

In der gesamten Zeit zwischen den beiden Weltkriegen wurden etwa 200.000 Hektar Land enteignet, das sind etwa (je nach Quelle) 50 - 75% der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche des Kosovo.

Neben der Vertreibung der bisherigen Bevölkerung kam es auch zum Bau neuer rein serbischer Kolonien. Diese wurden Vorwiegend an strategisch wichtigen Punkten, so z.B. entlang der Hauptverbindungsstraßen, gegründet. Von 1919 bis 1928 stieg der Anteil der Serben aufgrund dieser Maßnahmen von 24% auf 38% der Bevölkerung.

Neben der Ansiedlung von Serben wurde die albanische Sprache und Kultur auch zunehmend unterdrückt. So gab es um 1930 fast keine Schulen mehr, in denen die albanische Sprache gelehrt wurde.Die Moscheen der Albaner wurden geschlossen und zu Ställen und Lagern der serbischen Besatzungsmacht umgewandelt.

Belgrad machte des weiteren Anstalten die Islamischen Einrichtungen im Kosovo zu slavisieren, indem Bosnier (ebenfalls islamischen Glaubens wie die Albaner aber Slaven wie die Serben) diese Einrichtungen übernahmen; auch dies Vorgehen wurde aber von den Albanern nicht akzeptiert.

Darüber hinaus gibt es auch aus dieser Zeit Berichte über willkürliche Verhaftungen und Misshandlungen der Albaner seitens der Polizei. Da einige Albaner schon seit einiger Zeit den Serben bewaffnet Widerstand geleistet und Terrorakte ausgeübt hatten gab dies der Staatsführung die Rechtfertigung für ihre drakonische Vorgehensweise gegeüber den Albanern. Insgesamt ist zu sehen, dass viele Umstände der damaligen Zeit starke Parallelen zur Situation während der 1980er Jahre aufweisen.

1929 wurde ganz Jugoslawien in neue Bezirke, neun an der Zahl, aufgeteilt. Die Grenzen waren sorgfältig gelegt und schnitten durch historisch zusammenhängende Landstriche und Volksgruppen. Das Kosovo war plötzlich keine Einheit mehr sondern gehörte plötzlich zu drei verschiedenen Bezirken.

Diese Beschreibungen der Zustände treffen mehr oder minder stark für die gesamte Zeit zwischen den Weltkriegen zu.

Das Kosovo im 2. Weltkrieg

Sprung nach oben zum Inhaltsverzeichnis

Im zweiten Weltkrieg musste auch Jugoslawien sich mit dem Hitler-Regime auseinandersetzen. Hitler hatte zwei Alternativen in Bezug auf Jugoslawien. Entweder er schafft es das Land als Verbündeten zu gewinnen oder es wird mit militärischer Gewalt eingenommen. Ein wichtiger Schritt in Richtung der ersten Strategie schien getan als Jugoslawien am 25. März 1941 den Achsenpakt unterzeichnete. Am nächsten Tag jedoch wurde die Regierung gestürzt. Hitler, davon und von antideutschen Demonstrationen in Belgad hörend, entschied sich für eine sofortige Militäraktion.

Im Zuge dieser Aktion wurde das Kosovo innerhalb einer Woche von deutschen und italienischen Truppen eingenommen. Der Rest Jugoslawiens folgte bald, so dass es am 17. April 1941 zur Anerkennung einer bedingungslosen Niederlage kam.

Das Kosovo wurde dreigeteilt. Bulgarien besetzte einen schmalen Streifen im Osten (sowie Mazedonien). Der nördliche Teil mit Mitrovica und den Minen bei Trepca wurde von den Deutschen beansprucht. Der größte Teil des Landes ging jedoch an das unter italienischer Herrschaft stehende Albanien.

Die Italiener eröffneten wieder albanische Schulen und durch Dekrete im Oktober 1941 sowie im Februar 1942 wurden alle Einwohner des albanischen Teils des Kosovo albanische Staatsbürger.

In den Kriegswirren und den damit verbundenen instabilen Verhältnissen kam es von Seiten der Albaner zu stärkeren Ausschreitungen gegen die serbischen Einwohner des Kosovo. Ziel war es die Gelegenheit der serbischen Schwäche zu nutzen um die Siedler, die im Zuge des Kolonialisierungs-Programmes ins Kosovo gekommen waren, wieder loszuwerden und das enteignete Land wieder in Besitz zu nehmen.

So ist generell auch die gute Zusammenarbeit und Kollaboration der Albaner mit den Deutschen und den Italienern zu verstehen - diese hatte nichts mit ideologischen oder politischen Sympathien zu tun, sondern wurde als Möglichkeit betrachtet, endlich die Selbstkontrolle über das von Albanern besiedelte Territorium zu bekommen.

Während des zweiten Weltkrieges wurden Schätzungen zufolge etwa 40.000 Serben von den Albanern aus dem Kosovo vertrieben.

Gegen Ende des Krieges kam Deutschland an vielen Fronten stärker unter Druck, so auch in Jugoslawien. Neben Druck von außen kam es auch innerhalb des besetzten Landes zu verstärkten Partisanenaktivitäten.

Die Zeit unter Tito

Sprung nach oben zum Inhaltsverzeichnis

Dabei machte seit 1941 ein junger Kroate namens Josip Broz (der sich später Tito nannte) von sich reden. 1943 wurde er Präsident des "Antifaschistischen Rates der Nationalen Befreiung", der seit Ende 1944 unter kommunistischer Führung die Macht in Jugoslawien ausübte. Ab 1945 wurde Tito dann Ministerpräsident und Verteidigunsminister im befreiten Jugoslawien.

1945 wird das Kosovo autonome Region innerhalb Jugoslawiens, allerdings nicht autonome Provinz wie die Vojvodina, geschweige denn autonome Republik wie Montenegro. Auch werden die Albaner des Kosovo nicht als Volk sondern nur als Völkerschaft anerkannt. Die Stellung der Albaner in der Gesellschaft war auch während der Herrschaftszeit Titos von einigem Auf und Ab geprägt, immerhin gab es aber auch mal ein "Auf". Generell lässt sich allerdings sagen, dass die Albaner in den ersten zwei Jahrzehnte der kommunistischen Herrschaft noch als Bürger zweiter Klasse betrachtetet wurden. Dies lag vor allem daran, dass wichtige Posten in Verwaltung, Justiz und Wirtschaft überproportional häufig von Serben gehalten wurden.

Immerhin wurden einige Fortschritte, die während des Krieges erzielt wurden, albanische Schulen und Sprache betreffend, weiter ausgebaut. Dennoch waren die Spuren der Unterdrückung der albanischen Bedürfnisse in diesem Bereich unübersehbar. Ein Report aus dem Jahre 1948 berichtet z.B. dass 74% aller Kosovo-Albaner über 10 Jahren Analphabeten sind. Ein Bereich der allerdings weiter unterdrückt wird ist die freie Religionsausübung, da sie der Ideologie des kommunistischen Staates widerspricht.

1963 erhält schliesslich auch das Kosovo den Rang einer autonomen Provinz und ab 1966 folgten verschiedene Konzessionen an die Wünsche der Albaner. Diese führen unter anderem auch dazu, dass das Kosovo eine eigene Universität bekommt. Die Universität von Prishtina wird im Jahre 1970 gegründet, basierend auf einigen Fakultäten, die schon einige Jahre vorher bestehen. Der Anteil der Albaner unter den Studenten stieg in den Jahren von 1968 bis 1978 von 38% auf 72%.

1974 schliesslich bekommt Jugoslawien eine neue Verfassung, in der das Kosovo in fast allen Punkten mit einer Republik gleichgestellt wird, auch wenn es nur im Range einer Provinz bleibt. Während einiger Demonstrationen wird auch zu der Zeit der Rang einer Republik von den Albanern für das Kosovo gefordert. Dagegen gibt es von Seiten der Staatsführung verschiedene Vorbehalte. Der schwerwiegendste dürfte sein, dass Republiken selbständig entscheiden dürfen ob sie in der Föderation bleiben wollen oder nicht. Man hatte anscheinend Sorge, dass sich eine Republik Kosovo gegen ein Verbleiben in der Jugoslavischen Föderation und z.B. für einen Zusammenschluss mit Albanien entscheiden könnte.

Am 04. Mai 1980 stirbt Tito. Damit verliert Jugoslavien einen wichtigen Stabilitätsfaktor und sieht sich vor allem auch mit schwerwiegenden Problemen (z.B. volkswirtschaftlicher Natur) konfrontiert, die sich schon in den Jahren vorher ankündigten.

Ab Tito`s Tod

Sprung nach oben zum Inhaltsverzeichnis

Im Kosovo beginnen 1981 Unruhen seitens der Albaner mit dem Ziel, bessere Lebensumstände zu erzwingen. Es wird der allgemeine Ausnahmezustand erklärt.

Das Kosovo ist zu der Zeit der rückständigste Teil Jugoslawiens, so ist z.B. auch die Arbeitslosenquote die höchste der Föderation. Offiziell sind von den fast 1,5 mio. Einwohnern zwar nur 67.000 arbeitslos, die tatsächliche Zahl wird aber auf 250.000 geschätzt. Die Serben haben zu der Zeit einen Bevölkerungsanteil von 15%, halten aber 30% der Arbeitsplätze im öffentlichen Bereich.

In den folgenden Jahren kommt es wiederholt zu Protesten und es beginnt ein sogenannter Kulturkampf in der Art und Weise, dass beide Seiten ihre Sicht der Situation in unzähligen Büchern publizieren. In diesen Büchern kommt es häufig zu den kuriosesten Tatsachenverdrehungen; Einige sind bei Noel Malcolm (nebst Widerlegung) zu finden, können aber Mangels Platz hier nicht dargelegt werden.

Die Serbische Seite betrachtet die Unruhen als Krieg der Albaner gegen die Serben. In der serbischen Bevölkerung wird der Hass auf die Albaner geschürt.

1986 erscheint ein Memorandum, das die aus dem Kosovo wegziehenden Serben (Arbeitslosigkeit, Unterentwicklung) als Vertriebene betrachtet und Programme fordert, die die dauerhafte Wiederansiedlung von Serben im Kosovo garantieren sollen. Dieses Memorandum wird heute von vielen Seiten als Beginn der "Gross-Serbien"-Politik betrachtet. Viele noch titoistisch geprägte Politiker sind geschockt, doch ein junger Politiker namens Solbodan Milosevic überzeugt seine Kollegen zur Zustimmung des Memorandums.

Im April 1987 planen Kosovo-Serben eine große Protestaktion und laden dazu den Präsident der Serbischen Partei Stambolic nach Kosovo Polje ein. Stambolic zögert, da er schon öfter durch Reden gegen den Serbischen Nationalismus aufgefallen ist und entschliesst sich, lieber seinen Stellvertreter, Slobodan Milosevic, zu schicken.

Während der Veranstaltung am 24.04.87 kommt es zu Ausschreitungen, die Milosevic mit einer berühmt gewordenen Stehgreifrede beenden kann. Von diesem Tag an verwandelt sich der bisher profillose Politiker in einen mit vorwiegend nationalistischer Gesinnung. Spekulationen über die wahren Gründe bleiben jedem selbst überlassen.

Später im Jahr gelingt es Milosevic mit dem Thema Kosovo Stimmung gegen den gemässigteren Stambolic zu machen, so dass dieser zurücktreten muss und Milosevic seinen Platz einnimmt.

1988 wird versucht, die beiden führenden Albaner in der Regionalverwaltung, Azem Vllasi und Kaqusha Jashari zu entmachten. Daraufhin kommt es am 17. und 18. November zu Massenprotesten in Pristina. Sogar das regierungsnahe Radio Television Belgrad schätzt die Zahl der Demonstranten in Pristina auf 100.000.

Ungeachtet dessen treten die beiden Albanerführer einen Tag später unfreiwillig zurück. Einen weiteren Tag später hält Milosevic in Belgrad eine Rede, auf der der bekannt gewordene Satz: "Jede Nation verfügt über eine Liebe, die für immer ihre Seele erwärmt. Für Serbien ist dies der Kosovo" fällt. (Dreyer datiert den Ausspruch allerdings schon auf den 24.04.87)

Anfang des Jahres 1989 beginnen Vorbereitungen für Änderungen an der Jugoslawischen Verfassung mit dem Ziel, die Autonomie des Kosovo aufzuheben. Als Vorbereitung dazu kommt es zu zahlreichen ("hunderte") Festnahmen von Leuten, die bei Streiks oder anderen Protesten beteiligt waren.

Ende März wird die Aufhebung der Autonomie vom Regionalparlament des Kosovo "beschlossen" (ohne eigentlich notwendige 66% Mehrheit, vermutlich mit Stimmen von eingeschleusten Mitgliedern der Geheimpolizei und der Kommunistischen Partei aus Belgrad).

Von nun an stehen Polizei und Justiz unter serbischer Verwaltung, auch bestimmten Serben fast ausschliesslich die Politik.

Am 28.06.1989 wird der 600. Jahrestag der Amselfeldschlacht begangen, sie dient Milosevic zur Inszenierung seiner Macht und der "glorreichen Vergangeheit" des serbischen Volkes, der Kult um Milosevic ist zu der Zeit schon mit dem Titos vergleichbar.

Milosevic hat Serbien, Kosovo, Montenegro und die Vojvodina politisch hinter sich und braucht nur eine weitere Region um in der Jugoslawischen Föderation die Macht zu übernehmen. Dies spüren auch Politiker in Kroatien und Slovenien wo sich in der Folge die Unabhängigkeitsbemühungen verstärken, die dann zum ersten Krieg führen.

Im März 1990 werden weitere Programme vorgestellt, die die Situation der Serben im Kosovo verbessern sollen. So sollen neue Serbische Siedlungen entstehen, Investitionen sollen vorrangig in Gebieten mir serbischer Bevölkerungsmehrheit getätigt werden und Serben, die ins Kosovo zurückkehren bekommen neue Häuser gestellt. Dies alles geht einher mit einer weiteren Beschneidung der Rechte der Albaner.

Reagierend auf die Zunehmende Unterdrückung erklären am 2. Juli 1990 114 der 123 albanischen Mitglieder des Provinzparlaments das Kosovo als "gleichberechtigten und unabhängigen Teil der Jugoslawischen Föderation".

Als Reaktion darauf verabschiedet die serbische Fraktion drei Wochen später ein spezielles Gesetz, das es möglich macht 80.000 Albanern ihren Arbeitsplatz zu nehmen.

Doch schon am 7. September treffen sich die albanischen Delegierten erneut und einigen sich auf die Verfassung einer "Republik Kosova". Diese wird nach einem Referendum im September 1991 ausgerufen. Dieser Wechsel in der Politik von Wiederherstellung der Autonomie innerhalb Jugoslawiens zur Forderung nach völliger Unabhängigkeit ist als Folge der Unabhängigkeits-Erklärungen von Kroatien und Slovenien und des daraufhin im Sommer 1991 ausgebrochenen Krieges zu sehen.

Mit Übergreifen des Krieges auf Bosnien im April 1992 verschlechtert sich sie Situation der Albaner im Kosovo ein weiteres Mal. Muslimisch wie auch die Bosnier stehen die Albaner nun noch stärker in der Schusslinie serbischer Politiker und Medien. Diese werden nicht müde fortwährend von der islamischen Bedrohung zu sprechen. Dabei malen sie ein Schreckensbild eines islamischen Fundamentalismus, der mit dem gelebten Islam in diesen Regionen nichts gemein hatte. Um diese Unverkrampftheit der Bosnier und Albaner im Bezug auf ihre Religion zu demonstrieren, sei ein besonderes Beispiel genannt: Neben der LDK gibt es im Kosovo noch einige andere Parteien, so auch eine Christlich-Demokratische Partei. In dieser Christlich-Demokratischen Partei ist allerdings die überwiegende Mehrheit der Mitglieder nicht christlichen sondern muslimischen Glaubens. Der Krieg in Bosnien und Kroatien hat allerdings noch einen anderen Effekt. Durch die Wirtschaftssanktionen gegen Jugoslawien kommen auch die Serben im Kosovo unter existentiellen Druck. Die Albaner, schon länger ihrer Arbeitsplätze beraubt, haben mittlerweile vielerorts ein Selbstversorgungssystem und ein privates Handelsnetz aufgebaut, das unter den neuen Bedingungen besser funktioniert als das der Serben. Nichtsdestotrotz gibt es auch auf Seiten der Albaner oftmals bittere Armut.

Rugova

Sprung nach oben zum Inhaltsverzeichnis

Am 24. Mai 1992 schliesslich finden Kosovo-weite Wahlen statt um ein neues Parlament zu bilden. Als Wahllokale dienen Privathäuser, da die meisten dieser geschilderten Aktivitäten im Geheimen stattfinden und aus Sicht der Serben illegal sind.

Die politische Szene des Kosovos stammt größtenteils aus Kreisen der Universität Pristina, speziell der Philosophischen Gesellschaft und der Literarischen Gesellschaft der Universität. Letzterer gehört auch Dr. Ibrahim Rugova, Vorsitzender der schon 1989 gegründeten "Demokratischen Liga des Kosovo"(LDK) an. Rugova ist es auch, der bei den Wahlen 1992 zum Präsidenten der Republik Kosovo gewählt wird.

Die Strategie Rugovas und der LDK besteht dabei aus drei Punkten:

  1. gewalttätige Auseinandersetzungen vermeiden,

  2. den Konflikt auf eine internationalere Ebene hieven, und

  3. die ständige und beharrliche Infragestellung der serbischenAutorität durch Boykottierung von Wahlen und der Weiterentwicklung einer Verwaltungsstruktur der Republik Kosovo.

In den Punkten zwei und drei findet Rugova allerdings keine Unterstützung im Ausland, da die meisten Politiker das Problem des Kosovo als interne Sache Jugoslawiens sehen und ausserdem das Kosovo zu der Zeit durch den Krieg in Kroatien und Bosnien nur einen Nebenschauplatz im öffentlichen Interesse darstellt.

Die LDK schafft es allerdings der albanischen Kultur im täglichen Leben (besonders in der Schule) ihren Platz zu sichern. Im Zuge des Verlustes der Autonomie wurde auch das Schulwesen des Kosovo serbisch kontrolliert. So gibt es mancherorts getrennte Toiletten für albanische und serbische Schüler, auch wurden Fächer wie albanische Geschichte und Literatur abgeschafft. Hier setzt die LDK an indem sie einen alternativen Unterricht organisiert und albanische Lehrer die im Zuge der Reform des Schulwesens arbeitslos geworden waren, wieder einstellt und bezahlt.

Seit etwa 1990 mehren sich die Berichte von wahllosen Verhaftungen, körperlichen Misshandlungen und anderen Menschenrechtsverletzungen gegen die Albaner. Auch kommt es vor, dass Häuser von der Serbischen Polizei gestürmt und Dinge "beschlagnahmt" (in der Praxis: gestohlen) werden.

Im November 1995 findet der Krieg in Bosnien und Kroatien mit dem Friedensvertrag von Dayton ein Ende. Hatten die Albaner von diesem Abkommen auch eine Lösung ihrer Situation erhofft, so wurden sie bitter enttäuscht. Die am Friedensabkommen beteiligten UN-Funktionäre und westlichen Politiker wagen nicht, dieses Thema anzusprechen. Nur am Rande wird die unbefriedigende Menschenrechtssituation im Kosovo erwähnt und Serbien deswegen kritisiert. Im ganzen aber sieht man Milosevic als stabilisierenden Faktor der Region und will ihn daher nicht verärgern.

Diese Nichtbeachtung des Kosovos durch das Dayton-Abkommen wirkt sich für "Präsident" Rugova politisch negativ aus. Immer öfter wird Kritik an seiner gewaltlosen Haltung geübt, die nach Ansicht Vieler zu nichts führt. Dazu kommt, dass Rugova im September 1996 mit Milosevic über die Rückgabe von Schul- und Universitätsgebäuden an das Kosovarische parallele Bildungssystem verhandelt. Milosevic sagt die Rückgabe zu, hält sein Versprechen aber nicht. Dies ist ein weiterer Schlag gegen Rugovas Glaubwürdigkeit, da es scheint, als liesse er sich ohne Gegenwehr von Milosevic hinhalten und betrügen.

Eskalation

Sprung nach oben zum Inhaltsverzeichnis

Vom Sommer 1996 an kommt es im Kosovo erstmals zu Terrorakten gegen Serben oder serbische Einrichtungen, die über den Maßstab des Steinewerfens hinausgehen. So kommt es unter anderem zur Ermordung zweier serbischer Polizisten, zu einem Bombenattentat in Podujevo und einem Anschlag auf den Serbischen Rektor der Universität Pristina. Lange bekennt sich niemand zu den Anschlägen, bis im Sommer 1997, etwa ein Jahr nach Beginn der Terroraktivitäten ein Albaner in der Schweiz Interviews im Namen einer "Kosovo Befreiungs Armee" (UCK) (auch oft KLA abgek.) gibt.

Im Mai 1998 eskaliert die Lage im Kosovo. Serbische Sicherheitskräfte beginnen mit der Offensive gegen die albanische Untergrundorganisation UCK. Als in Likoosane und Cirez nach einer Schiesserei zwischen der serbischen Polizei und der UCK darauffolgend 25 Zivilisten von serbischen Sicherheitskräften getötet werden, kommt es zu Aufständen in Pristina. Aufgrund der zunehmenden Gewalttätigkeit der serbischen Sicherheitskräfte gegen die albanische Zivilbevölkerung und den Gerüchten über angebliche Massenexekutionen regt man auf dem Londoner Kontaktgruppentreffen ein Waffenembargo gegen Belgrad an. Zudem wird eine internationale Beobachtertätigkeit im Kosovo gefordert und Sanktionen werden angedroht. Serbien antwortet daraufhin am 23.04.1998 mit einem Referendum, wobei sich mehr als 94 % der Serben gegen internationale Vermittlung in der Kosovo-Krise aussprechen.

Im Mai beginnt Serbien mit einer Großoffensive gegen das Kosovo. Daraufhin hält die NATO im Juni an der Grenze zu Albanien und Mazedonien Luftmanöver ab. Um den Druck auf Belgrad zu erhöhen, beschließt der EU-Rat am 29.06.98 ein Flugverbot für sämtliche jugoslawischen Fluggesellschaften sowie ein Investitionsembargo gegen die Bundesrepublik Jugoslawien (BRJ). Diese langfristig ausgelegte Strategie kann jedoch zu diesem Zeitpunkt keine Entspannung der Lage bewirken. Durch die anhaltenden Kämpfe gerät die UCK zunehmend in Bedrängnis. Die Zahl der Flüchlinge im Kosovo steigt auf 230'000, viele retten sich in die Berge und in die Wälder. Jedoch wird auch auf diplomatischen Weg weiterhin der Versuch gemacht diesen Konflikt auf friedliche Art und Weise zu lösen. Die Kontaktgruppe übergibt beiden Konfliktparteien am 07.08.98 ein Optionspapier mit Vorschlägen zur Lösung der Auseinandersetzung. Dieses Papier schlägt unter Beachtung der territorialen Integrität der BRJ ein hohes Maß an Autonomie für das Kosovo vor, jedoch keine Unabhängigkeit. Die Resonanz auf dieses Papier ist von beiden Seiten positiv, es erfolgt jedoch keine Einstellung der Kampfhandlungen. Um mit stärkerem Gewicht bei den diplomatischen Beratungen aufzutreten bilden die Kosovo-Albaner ein gemeinsames Verhandlungsteam unter der Leitung von Fehim Agani. Die UCK ist daran jedoch nicht beteiligt.

Bis zum Oktober 1998 hat sich die Zahl der Flüchtlinge auf 300.000 erhöht. Diese haben zumeist nur im Freien Zuflucht gefunden und sind Regen und Kälte ausgesetzt. Der nahende Winter läßt eine humanitäre Katastrophe befürchten. Da weder auf diplomatischem Wege noch durch Sanktionen eine Verbesserung der Lage möglich wird, beschließt der NATO-Rat am 13.10. 1998 den Einsatzbefehl für begrenzte und gestaffelte Luftangriffe gegen die BRJ.

Zuvor jedoch scheitern die Gespräche zwischen Milosevic und dem US-Unterhändler Holbrook, da der jugoslawische Präsident zu keinen Zugeständnissen bereit ist. Erst aufgrund des Aktivierungsbefehles ist Milosevic zur Einlenkung bereit. Das darauffolgende Abkommen wird am 16.10.1998 unterzeichnet, zudem erfolgt eine einseitige serbische Verpflichtungserklärung, die neben einer weitgehenden Selbstverwaltung für den Kosovo, der Einrichtung eines Parlaments, einer Exekutive und einer Judikative die Aufstellung einer Kosovo-Polizei vorsieht. Das Manko dieser Vereinbarungen bestand jedoch darin, dass diese Beschlüsse ohne jegliche Beteiligung der Kosovo-Albaner zu Stande kamen und die UCK prinzipiell jeden Beschluß ablehnte, der nicht die Selbständigkeit des Kosovo vorsah.

Im Dezember 1998 kommt es wieder verstärkt zu Auseinandersetzungen unter Verwendung von schweren Waffen, die jedoch zum Jahresende abflauen. Als einziger Hoffnungsschimmer bleibt ein weiterer Flüchtlingsrückgang auf etwa 175.000 und das forcieren der Verhandlungen zur friedlichen Beilegung des Konfliktes. Doch ab Januar 1999 nimmt die Anzahl der Auseinandersetzungen wieder dramatisch zu und auch die Flüchtlingszahlen steigen wieder.

Daraufhin werden die diplomatischen Bemühumgen erneut verstärkt. Die NATO entsendet ranghöchste Militärs nach Belgrad, um Milosevic den Ernst der Lage zu verdeutlichen.

Die Gespräche des Vorsitzenden des NATO-Miliärausschusses, General Naumann, und des NATO- Oberbefehlshaber Europa, General Clark, mit Milosevic am 19.01.99 verlaufen jedoch ergebnislos, da sich Milosevic weiterhin hartnäckig weigert Zugeständnisse zu machen.

Daraufhin beschließt die Kontaktgruppe in London die Einbestellung der Konfliktparteien zu direkten Verhandlungen, die am 06.02.1999 in Rambouillet bei Paris beginnen sollten. Durch die restriktive Verhandlungstaktik der Serben kommt es zu keiner Annäherung. Belgrad ist nicht zu ernsthaften Gesprächen über bestehende Entwürfe bereit, legt ausschließlich eigene Gegenentwürfe vor und erklärt schließlich das Treffen für gescheitert. Gegen Ende der Verhandlungen nimmt die Anzahl der Zwischenfälle im Kosovo wieder zu und auch die Flüchtlingszahlen steigen wieder auf 230.000.

Im März 1999 läßt sich dann eine zunehmende Verlagerung von Kriegsmaterial und Truppen in den Kosovo feststellen - Jugoslawien scheint sich für den Krieg im Kosovo zu wappnen. Nachdem die jugoslawische Armee ihre Offensive im Nordwesten des Kosovo startet, ziehen mehrere westliche Staaten ihr Botschaftspersonal aus Belgrad ab. Die OSZE verläßt wegen den schlechten Arbeitsbedingungen und Übergriffen auf Mitarbeiter am 20.03.1999 das Land.

NATO Luftangriffe (24. 3. - 10. 6. 1999)

Sprung nach oben zum Inhaltsverzeichnis

Schließlich erteilt NATO-Generalsekretär Solana die Anweisung, mit Luftangriffen gegen Ziele der Bundesrepublik Jugoslawien zu beginnen. So erfolgten am 24.03.1999 erste Luftschläge gegen Verteidigungs- und Kommunikationseinrichtungen, worauf die jugoslawische Regierung den Ausnahmezustand verhängt und die diplomatischen Beziehungen zu den USA, Deutschland, Frankreich und Großbritannien abbricht. Trotz der Luftschläge dauert die serbische Offensive im Kosovo an, Dörfer werden völlig zerstört, die Zivilbevölkerung vertrieben. Ende März befinden sich 500.000 Menschen auf der Flucht, worauf die internationale Gemeinschaft ein umfangreiches Hilfsprogramm beschließt. Die Bundeswehr, die sich an diesen Hilfslieferungen beteiligt, startet am 30.03.99 erste Hilfsflüge.

Auch im April setzen sich die NATO- Luftoperationen fort und auch die jugoslawische Offensive wird verstärkt, begleitet von gezielten, massiven ethnischen Säuberungen. Beim Treffen des EU-Rates am 08.04.99 wird das Entsetzen über die menschliche Tragödie im Kosovo verdeutlicht. Angesichts der unverantwortlichen Politik Belgrads und der wiederholten Verletzung der Resolution des Sicherheitsrates der UN sei der Einsatz schärfster Maßnahmen - einschließlich militärischer - notwendig und gerechtfertigt. Die Verantwortung für den bewaffneten Konflikt liege demnach allein bei Milosevic und seinem Regime. Im Mai werden die Luftschläge intensiviert, die sich auf die Energieversorgung und Stellungen der jugoslawischen Armee im Kosovo konzentrieren. Tragische Zwischenfälle bleiben dabei jedoch nicht aus. So werden am 1. Mai 1999 40 Passagiere eines Busses getötet, als der Bus eine Brücke auf der Verbindungsstraße Pristina - Nis passiert. Zwei NATO Kampfflugzeuge stürzen am 02.05 ab und am 08.05 wird versehentlich die chinesische Botschaft in Belgrad getroffen. In diesem Zeitraum steigen auch die Flüchtlingszahlen weiter an, vermehrt werden Vertriebene aus Mazedonien nach Albanien und in Drittländer gebracht. Ende Mai befinden sich in Albanien 442.100, in Mazedonien 250.100, in Montenegro 66.300 und in Bosnien-Herzegowina 21.700 Flüchtlinge.

Nach Verhandlungen der NATO und Vertretern der jugoslawischen Armee über die Rückzugsmodalitäten, kommt es aufgrund der anhaltenden Luftangriffe am 09.06.1999 zu einem militärisch- technischen Abkommen. Dies sieht den stufenweisen Abzug der jugoslawischen Armee und der serbischen Sonderpolizei innerhalb von 11 Tagen vor.

Am 10. Juni 1999 erfolgt schließlich die Einstellung der Nato-Luftangriffe auf Serbien und das Kosovo. In den folgenden Tagen rücken die serbischen Streitkräfte Stück für Stück ab, dafür marschierten von Süden aus KFOR-Einheiten ins Kosovo ein. Die KFOR Präsenz kann nun allerdings nicht verhindern, dass die noch im Kosovo gebliebenen serbischen Zivilisten nun Opfer von Gewaltakten seitens der Albaner werden.


Strategien der Krisenbewältigung

Sprung nach oben zum Inhaltsverzeichnis

Auch bei den Strategien zur Krisenbewältigung wollen wir chronologisch vorgehen. Dabei muss eigentlich schon Mitte der 90er Jahre begonnen werden und es müssen die Erfahrungen aus den Kriegen in Kroatien und Bosnien, deren Ende paradoxerweise gleich den Keim des nächsten Konfliktes in sich trug, mit einbezogen werden. Gemeint ist das Dayton Abkommen wo nach Ansicht vieler Experten die Chance zu einem nachhaltigen Frieden auf dem Balkan durch Ausklammerung des Themas Kosovo verspielt wurde.

Im Zuge des Kosovo-Konfliktes gab es schon früh Differenzen zwischen den verschiedenen Organisationen. Während von Seiten der OSZE und der UNO eine diplomatische Lösung angestrebt wurde, begann die Nato unter Führung der USA schnell damit, Milosevic ernsthafte Drohungen auszusprechen. Dadurch setzte sich die Nato rasch unter Zugzwang (und auch Erfolgszwang) und musste handeln, wollte sie nicht ihre militärische Glaubwürdigkeit verlieren. Dass die Nato eine agressive Aktion ausserhalb der Grenzen ihrer Mitgliedsländer und ohne Mandat des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen startete, ist rein formal juristisch ein Völkerrechtsbruch. War das Eingreifen der Nato schon im März '99 nicht unumstritten, so ist auch heute noch keine einhellige Bewertung der Aktion vorgenommen worden. In dieser Bewertung muss es darum gehen, ob der Völkerrechtsbruch als Ausnahme in einer Notsituation legitimierbar ist, oder ob damit ein gefährlicher Präzedenzfall geschaffen wurde, der in Zukunft anderen Staaten als Rechtfertigung dient, sich (aus anderen Motiven heraus) ebenfalls nicht an das Völkerrecht zu halten. Kritisiert wird an dem Krieg der Nato gegen Serbien vor allem die Weigerung Bodentruppen einzusetzen. Die Erfahrung der Kriege in Bosnien hat gezeigt, dass nur durch Bomben diese neue Art der Konflikte nicht zu lösen ist. Rose führt an, dass die Welt sich seit einiger Zeit mit einer neuen Form von Auseinandersetzungen konfrontiert sieht. Neben dem klassischen Krieg, in dem sich Armeen bekämpfen, kommt es in letzter Zeit zu, wie er es nennt, humanitären Kriegen in dem nicht Armeen sondern Menschen im Vordergrund stehen. Diese Kriege zeichnen sich durch eine wesentlich komplexere und kleinteiligere Struktur aus. Der gesamte Militärapparat der Nato ist allerdings auf Verteidigung (und nicht auf Angriff wie in diesem Fall) und auf eine Art der Kriegsführung, wie sie zur Zeiten des Kalten Krieges zwischen den Supermächten USA und UDSSR erwartet worden war, ausgerichtet. Armeen kann man aus der Luft mit Bomben bekämpfen, kleine paramilitärische Einheiten, die mordend und brandstiftend durch das Land ziehen, aber nicht. Selbst das Bombenwerfen hat die Nato nach Ansicht von Rose nicht mit der erforderlichen Konsequenz betrieben. Dadurch, dass den Piloten aus Sicherheitsgründen (derselbe Grund wie der Verzicht auf Bodentruppen - Krieg gerne, aber bitte ohne Risiko für die Soldaten) nur der Flug in großen Höhen erlaubt war, kam es in einigen Fällen zu Bombardierungen von Zügen, zivilen Gebäuden und sogar Flüchtlingskonvois. Insgesamt ist von 1.200 Zivilisten die Rede, die bei Nato-Bombenangriffen ums Leben gekommen sein sollen. Die Rechtfertigung der Nato dass von den Serben noch schlimmere Massaker begangen würden, ist Roses Ansicht nach weder legal noch moralisch zu verteidigen. Rose, langjähriger Oberbefehlshaber der UN-Blauhelme in Bosnien, hält der Nato allerdings auch zu Gute, dass ihre Stärke und Effektivität wichtig für die zukünftige Stabilität in Europa wäre, sie müsse nur lernen, sich auf eine neue Art von Konflikten einzustellen.

Diagram Peacekeeping
Peacekeeping

Als Beispiel dient Rose die UN-Mission in Bosnien, die, obwohl auch fehlerbehaftet, dem humanitären aber doch stärker verpflichtet war als schnellen militärischen Erfolgen. Als klassische Waffen des "Peacekeeping" nennt er "patience, persistence, and persuasion" (Geduld, Beharrlichkeit und Überzeugung).

Die Kunst aller "peacekeeping"-Missionen ist genau soviel Gewalt anzuwenden, um bestimmte Ziele zu erreichen und von den Kampfparteien ernsgenommen zu werden. Wendet man zu viel Gewalt an, wird man von den Parteien nicht als Mediator und Vermittler, sondern als Kampfbeteiligter betrachtet (wie geschehen in Somalia 1993, danach ist diese Grenze auch als "mogadishu-line" benannt). Auch wenn diese Linie nicht überschriten wird, ist es für eine solche Mission oftmals schwierig, neutral zu bleiben. Meist wird sie dann von allen Beteiligten angegriffen, da sich dort die Logik durchsetzt "wer nicht für uns ist muss also zwangsläufig gegen uns sein...".

Eine dauernde Lösung des Konfliktes im Kosovo, darin sind sich die meisten Experten einig, ist langfristig nur mit einem politischen, demokratischen Wandel in Belgrad möglich und unter Einbeziehung der Anreinerstaaten wie beispielsweise Albanien, Mazedonien, Montenegro, Bulgarien. Es wäre ein fataler Fehler, wenn man das Land sich selbst überläßt, erst durch die Einbindung in ein demokratisches Gefüge des Balkans und letztendlich als Teil der europäischen Gemeinschaft erwächst eine langfristige Stabilität in dieser Region, die Frieden und Sicherheit gewährleistet. Dazu sind jedoch nicht nur Veränderungen in Restjugoslawien nötig, auch das Kosovo muß sich grundlegend wandeln. Aufgrund der serbischen Sanktionen und der systematischen Zerstörung der politischen und wirtschaftlichen Infrastruktur sowie der Ereignisse im Krieg ist eine Wandlung zu einem demokratischen System ungleich schwierig. Im Kosovo summieren sich die Probleme einer Nachkriegsgesellschaft und einer nachsozialistischen Gesellschaft zu einer Arbeitslosenquote von 85%. Damit ist teilweise auch die stetig steigende Kriminalität und Korruption nach dem Krieg zu erklären.

Trotz des Versuchs eine demokratische Ordnung aufzubauen, sehen viele Albaner in den Schwarzmarktgeschäften keinesfalls mehr als ein Kavaliersdelikt. Begünstigt wird dies durch eine Schattenwirtschaft, die während der Abhängigkeit von den Serben das Überleben sicherte. Die zunehmende Gewalt und der Anstieg der Kriminalität ist auf den rechtsleeren Raum zurück zuführen. Vermutungen legen den Schluß nahe, daß der albanische Geheimdienst SHIK eine wichtige Rolle bei der Etablierung einer "Gangsterwirtschaft" spielt. Das Hauptproblem ist jedoch der nicht enden wollende Zustrom an Waffen, die Entwaffnung der Region ist nach Ansicht des internationalen Polizeichefs des Kosovo, Uwe Schweifer, reine Illusion. Die kosovarische Polizeibilanz verdeutlicht dies. " Wir sind bereits zufrieden", so Schweifer, "wenn der Monatsdurchschnitt konstant bleibt: ein Mord pro Tag.".

Nur der Aufbau einer effizienten Verwaltung und Rechtsprechung im Kosovo gäbe die Möglichkeit, diese Verhältnisse sukzessive zu verändern. Doch die Etablierung eines demokratischen Systems scheitert momentan neben dem Fehlen ausreichend finanzieller Mittel auch an den Kompetenzstreitigkeiten zwischen Albanern und der von der UNO eingesetzten UMNIK. So hat die UCK unter ihrem Chef und selbst ernannten Ministerpräsidenten Thaci eine "Regierung" aufgestellt, die sich als alleiniger Vertreter der Bevölkerung des Kosovo sieht. Die ehemalige Kosovo-Untergrundarmee treibt Steuern ein oder stellt die Bürgermeister in der Provinz. Damit kommt der UMNIK die schwierige Aufgabe zu, ein Land zu regieren, das eigentlich schon von anderen regiert wird. Auseinandersetzungen bleiben dabei nicht aus und es kommt einerseits zum immer schärferen Vorgehen gegen die UCK durch die internationale Verwaltung und andererseits zu der Einsicht, daß nur mit Hilfe der Untergrundarmee eine Entwicklung möglich ist.

Das Ergebnis waren beziehungsweise sind häufig doppelte Kommunalverwaltungen, wobei die von der UNO eingesetzten Bürgermeister die finanziellen Möglichkeiten besitzen, die UCK aber die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich weiß. Diese Situation ist beim Aufbau einer demokratischen Struktur ungemein hinderlich, da eine Abstimmung oft nicht erfolgt, sondern im Gegenteil unterschiedliche Auffassungen in der Verwaltung keine befriedigende und befriedende Lösung bringen. Während die internationale Gemeinschaft an einem gewissen Autonomiestatus des Kosovo festhält, beharrt die UCK auf dessen Unabhängigkeit.

Und auch der Übergangsrat, als Beginn eines multiethnischen Kosovo für die Regierung vorgesehen, ist bis jetzt nicht mehr als ein Torso. Ursprünglich sollten die Serben an der Verwaltung beteiligt werden, aber Drohungen und Einschüchterungen sowie die anhaltenden Ressentiments haben bisher zu keinen konstruktiven Gesprächen geführt. So sieht selbst der UN-Verwalter für das Kosovo, Bernhard Kouchner, Wahlen in der momentanen Lage als die einzige Möglichkeit zur Lösung des Problems. Doch vorher muß erst einmal die nötige Grundlage geschaffen werden. Noch heute haben eine Vielzahl der Albaner keine Identitätspapiere. Personalausweise, Pässe, Sozialversicherung oder Nummernschilder - solche Dokumente auszustellen obliegt der staatlichen Verwaltung, der es aus vielerlei Gründen bis heute schwerfällt, diese Aufgaben zu lösen.

Aber nicht nur die Situation im Kosovo ist für die Bewältigung der Schwierigkeiten in der Region hinderlich. Der Wunsch nach Frieden auf dem Balkan schöpft aus der Hoffnung eines demokratischen Wandels in Restjugoslawien. Solange Milosevic weiterhin seine Träume vom "Großserbischen Reich" lebt, ist eine dauerhafte Stabilität kaum möglich. Allein die derzeitige Situation gibt kaum Hoffnung auf Besserung. Im Land selbst gibt es 187 Parteien, aber kaum eine nennenswerte Opposition. Die Macht liegt allein in den Händen des jugoslawischen Präsidenten. Nun rächt es sich, daß man Milosevic mit einer voreiligen Anklage vor dem internationalen Gerichtshof jede Möglichkeit auf Wandel verbaut hat. Milosevic hat nur noch dieses Land und daran klammert er sich mit allen Mitteln. Die junge serbische Theaterautorin Biljana Srbljanovic meint in diesem Zusammenhang, die herrschende Clique in Serbien sei unanfechtbar. "Sie haben versucht ein Konzentrationslager zu bauen, mitten in Europa. Es ist ihnen gelungen. Aber den Zaun hat der Westen gezogen." Ohne Visum kann kein Serbe in ein Land der europäischen Union reisen und wenn außerhalb kein Platz ist, rückt man näher zusammen. Deshalb ist es kaum verwunderlich, das sich die Situation nach dem Krieg für Milosevic eher gebessert als verschlechtert hat. Insofern ist kein Wandel aus dem politischen Lager Belgrads zu erwarten. Eine Basis für Veränderungen böte vielleicht die intellektuelle Elite des Landes. Sie sind es, die leise Widerstand leisten. Die Mülltonne sei "ein Symbol des Landes" geworden, meint der Dramatiker Dusan Kovacevic."

Vielleicht bietet sich ja über die Kultur und Kunst eine einheitliche Sprache, die über Grenzen hinweg Veränderungen möglich macht oder zumindest die Grundlage dafür schafft. Schon das wäre ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, denn man darf nicht vergessen, die Stabilität im Kosovo ist entscheidend für den Balkan - und somit auch für Europa.

Sven Pohle, Michael Holzrichter

Quellenangaben

Sprung nach oben zum Inhaltsverzeichnis

 

Mail an Max Lehmann © Design by C/S Design, eine Partnerfirma von C/S Consult Jump to (1 kB)

Home